Zerum im Interview

Zerum Interview

Zerum kommt, wie ich, aus Graz und steht bereits lange in meiner Liste mit fairer Mode. Ein paar meiner Fragen waren trotz vieler Store-Besuche offen geblieben und so habe ich mich mit Thomas, dem Storemanager von Zerum Wien getroffen, um mehr über die Ideen und Visionen des jungen, fairen Modelabels  herauszufinden. An diesem sonnigen Herbstmorgen habe ich einige inspirierende Antworten und einen guten Kaffee erhalten. Das Aufstehen hat sich gelohnt.

Thomas von Zerum im Interview

Laurel: Zerum wurde 2011 gegründet. Wie kam es dazu und wer sind die Gründer?
Thomas: Gegründet wurde Zerum von Sigi und Marco während dem BWL-Studium. Sigi ist leidenschaftlicher Snowboarder und Skateboarder, aber hat damals keine nachhaltigen oder fairen Shirts gefunden. Und während des Studiums gab es das Projekt, eine Firma zu gründen. Dort begann er mit der Idee fairer T-Shirts.
Ich bin später eingestiegen, wir haben uns alle in der „Scherbe“ in Graz kennengelernt, wo die zwei gekellnert haben.

Laurel: Woher kommt der Name Zerum und was bedeutet er?
Thomas: Zerum leitet sich von Serum ab, dem Heilmittel. Für den Wiedererkennungswert mit „Z“. Warum „Heilmittel“, ist hoffentlich aus unserer Arbeit ersichtlich.

Laurel: Wie steht Zerum zu großen Modehäusern?
Thomas: Das ist ein schwieriges Thema, weil wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen wollen. Meine Freundin hat einmal gesagt: „Man soll immer so handeln, dass man sich bei keinem entschuldigen muss.“
Aber es hängt ja nicht nur von den Firmen ab. Firmen werden groß, wenn ein bestimmtes Publikum herrscht. Da muss sich einfach auch der Abnehmer mehr Gedanken machen. Weil wenn es keinen Abnehmer mehr gibt, gibt es die Firma bald auch nicht mehr.

Laurel: Was möchtet ihr in der Modewelt verändern?
Thomas: Wir wollen diese Idee (der fairen Mode, Anmk.) natürlich an ein breiteres Publikum bringen. Dass vielleicht mehr Leute umdenken. Früher war es halt so, dass Bio-Mode immer ein gewisses Räucherstäbchen-Image hatte. Dass dieses Image jetzt positiver behaftet wird in den Köpfen der Menschen und dass mehr Menschen darauf zurückgreifen wäre toll. Dass sie sehen, was dahinter steckt, dass sie die Verkaufsspanne verstehen.

Laurel: Was siehst du als größtes Problem in der Gesellschaft bezüglich Nachhaltigkeit und Mode?
Thomas: Das Nicht-Hinterfragen, beziehungsweise das Leichtgläubige. Wenn zum Beispiel eine Modekette sagt, sie macht eine faire Modelinie, ist unser Gewissen schon beruhigt. Wir denken gar nicht weiter darüber nach, ob das alles stimmt. Quasi die Milchschnitten-Lüge aus der Werbung. Frische Milch und Kakao, und schon ist es gesund.
Shoppen ist heutzutage außerdem ein Hobby, wie essen gehen. So kaufen viele Fast Fashion. Die Frage sollte aber immer sein: „Brauch ich das jetzt?“ Und die Antwort wird fast immer sein: „Nein, eigentlich nicht.“ Man kauft es dann aber trotzdem.

Laurel: Wie würdest du die Begriffe „Fast Fashion“ und „Slow Fashion“ beschreiben und was bedeuten sie für dich?
Thomas: Fast Fashion ist für mich Wegwerf-Mode. Nicht nur vom Produkt her, sondern auch von der Einstellung. Manche sagen zum Beispiel, ihr Geschmack ändere sich monatlich oder jährlich. Dann wollen sie nicht so viel ausgeben, weil es ihnen eh bald nicht mehr gefällt. Das ist für mich eher eine gute Ausrede.
Slow Fashion wäre dann eben Mode, die man lange hat, die deinen Charakter unterstreicht, in der du dich wohl fühlst.

„Die Kreationen sollen nicht nur modische Hülle für den Träger sein, auch Werte wie Nachhaltigkeit, Solidarität und Fairness sollen in einer globalen Gemeinschaft am eigenen Leib mitgetragen werden.“

– Zerum

Laurel: Noch einmal zu eurer eigenen Mode. Was für Farben verwendet ihr für die Prints und den Stoff an sich?
Thomas: Das ist biologisch abbaubare Farbe ohne Schwermetalle und Lösemittel. Darauf kommt noch ein Sprühfestiger, der auf Wasserbasis und auch lösemittelfrei ist. Sigi hat mal gesagt, unsere Shirts könnte man essen.

Laurel: Wo werden eure Shirts gedruckt?
Thomas: Wir haben es lange selber gemacht, mit Hand-Siebdruck-Verfahren. Aber das geht sich zeitlich nicht mehr aus. Jetzt werden sie in Ungarn, von einem kleinen Familienunternehmen gleich neben unserer Schneiderei gedruckt.

Zerum Interview

 

Laurel: Sind eure Stoffe zertifizierte Bio-Produkte?
Thomas: Ja. Es war schon immer so, dass wir nach GOTS-Standard produziert haben und jetzt ist es so, dass wir unsere Shirts nach einem sehr langen Prozess auch damit auszeichnen dürfen. Unsere Sachen sind natürlich auch Fairtrade, aber das Zertifikat muss für uns nicht sein. Teilweise bekommen Shirts, die auch in Bangladesh produziert werden, ein Fairtrade-Siegel. Da sind wir skeptisch.

Laurel: Teilweise verkauft ihr Accessoires oder Mode von anderen Labels in euren Stores. Sind die auch fair und nachhaltig produziert? Treffen die all eure eigenen Standards?
Thomas: Fair produziert und nachhaltig sind alle. Es ist nur so, dass viele nicht mit Bio-Baumwolle arbeiten. Dafür verwenden die dann zum Beispiel Restposten, die keiner verwendet und das wird dann upgecyled. Amateur macht das so.
Und es ist halt keine Massenware, kommt alles von kleinen Designern und Firmen.

Laurel: Habt ihr große Pläne für die Zukunft? Wie soll Zerum in 5 Jahren aussehen?
Thomas: Vielleicht wird es in 5 Jahren gar nicht so anders ausschauen. Schön wäre es, wenn noch der eine oder andere Shop dazu kommt. Aber ich sage immer, qualitativer Wachstum ist langsam. Von daher lassen wir uns Zeit.

Laurel: Würdest du zum Abschluss meinen Lesern einen Tipp geben, für ein Leben mit mehr Nachhaltigkeit?
Thomas: Klar … Sachen hinterfragen. Sich vielleicht Videos anschauen, um die ganze Wahrheit vor Augen zu haben. Sonst hat man immer so einen Schutzmechanismus: „Na, das glaub ich nicht, den betroffenen Menschen wird es schon nicht so schlecht gehen.“
Einmal bewusst hinschauen, sich bewusst informieren und dann darüber nachdenken.

Vielen Dank für das Interview, Thomas!

Zu meinem Zerum-Outift-Post.

2 comments

  1. Super Interview Laurel !
    Ich habe von Zerum davor noch nichts gehört, und das obwohl es aus Graz ist !
    Muss ich mich gleich mal genauer auf deren Homepage durchstöbern.

    Ich finde die Antwort von Thomas auf deine Frage „Gesellschaft + Nachhaltigkeit“ momentan sehr passend. Vor allem in letzter Zeit, in der doch der Nachhaltigkeits- teilweise auch „Trend“ boomt, kommt mir so vor, dass vor allem die großen Firmen versuchen auf diesen Zug mit aufzuspringen.
    Bestes Beispiel ist wohl die H&M conscious collection, die absolut garnichts mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Trotzdem glauben es leider viel zu viele.

    Aber wie gesagt, wirklich toller Beitrag 🙂

    Liebe Grüße,
    Vivi <3
    vanillaholica.com

    p.s:: Vielen lieben Dank auch für dein Kommentar auf meinem Blog !

    1. Hey liebe Vivi!

      Vielen Dank für deinen schönen Kommentar!
      Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall bei Zerum. Die haben ja in Graz, Wien und Linz einen eigenen Store, wo es viel mehr Auswahl als in ihrem Online-Shop gibt. 🙂
      Ja, das stimmt! Gerade die H&M Conscious Collection ist wirklich ärgerlich. Ich hab leider selbst Freunde, die glauben, dass das auch schon faire Mode ist nur weil Bio-Baumwolle verwendet wird, und die nicht verstehen, warum sie mehr Geld bei einem anderen, echt fairen Label ausgeben sollen. Ich tue mir auch noch manchmal schwer, das verständlich zu erklären, und habe das Gefühl, dass einige das gar nicht glauben wollen und ihre Augen fast schon absichtlich vor der Wahrheit verschließen.
      Naja, aber man kann nur weiterhin versuchen, auch diesen Leute ECHTE faire und nachhaltige Mode ans Herz zu legen. Ich finde, wir machen das eh schon ganz gut. 😀 Ich finde deinen Blog übrigens wirklich toll!

      Liebe Grüße,
      Laurel

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