Du bist nicht schlank? Dann bist du hässlich! | Photoshop Revealed

schön genug

Vor einigen Wochen startete eine Ausstellung des Ateliers „citronenrot“. Ich konnte bei der Abschlussveranstaltung dabei sein und war ehrlich bewegt von den Bilder und den Themen, die die beiden Fotografinnen aufgegriffen und verarbeitet haben. So bewegt, dass ich dir hier zeigen möchte, worum es bei diesem Projekt geht …

Was dabei herauskommt, ist ein atemberaubender, Augen-öffnender Vergleich, der die natürliche Schönheit eines proportional korrekt dargestellten Menschen zeigt.

Die Geschichte beginnt eigentlich damit, dass Gabriela Koch und Gerlinde Gorla, die beiden citronenrot-Fotografinnen, in ihrer Karriere immer wieder über außerordentliche, absurde und auch außerordentlich absurde Modefotografien oder Kundenwünsche stoßen. Models mit einem Body-Mass-Index unter 19 werden zur anatomischen Unmöglichkeit gestreckt und „verdünnt“. Haut wird zu Wachs ohne jegliche Unebenheit oder Poren, Härchen gibt es sowieso keine. Kunden und Kundinnen möchten größere Augen auf ihren Portraits, oder einen kleineren Hintern.

Und die Künstlerinnen stellen sich die Fragen:

Wieso wird Mode für erwachsene Frauen mit Bildern von 12-Jährigen verkauft?
Wieso ist mittlerweile „unretuschiert“ so ungewohnt, dass unsere eigenen Fotos uns nicht mehr gefallen?
Wieso schaut das Model aus wie das Opfer eines Gewaltverbrechens?
Wieso zählt der minimale Schattenwurf statt der maximalen Ausstrahlung?
Wieso lassen wir uns das gefallen?
Wieso kaufen wir das?
Wieso schreien wir nicht: „Das ist krank! Das macht krank!“? Lauter!

Irgendwann war diese Absurdität zu viel; sie wollten zeigen, wie die Fotos in echt aussehen. Oder umgekehrt: Sie wollten zeigen, wie echte Menschen eigentlich aussehen würden, ohne Bearbeitung und Effekte. Koch und Gorla re-inszenieren aufwändig bearbeitete Modefotografien und stellen ihre unretuschierte Version neben das Original. Was dabei herauskommt, ist ein atemberaubender, Augen-öffnender Vergleich, der die natürliche Schönheit eines proportional korrekt dargestellten Menschen zeigt.

Du bist nicht schön genug – Photoshop revealed

Überall in den sozialen Medien wird man überflutet von perfekten Körpern und den schönsten Gesichtern. Aber auch die hübschesten Models machen 20 Selfies, bevor sie das schönste hochladen. Worum es mir geht, ist, dass wir uns selbst eine komplette Scheinwelt aufgebaut haben, die vor schönen Menschen nur so strotzt. Eine völlige Verrücktheit, die nicht mehr der Realität entspricht. Eine Verrücktheit, die vor allem bei jungen Mädchen und Jungen im Endeffekt Komplexe auslöst und sie sich schlecht fühlen lässt, wenn sie nicht der nahezu perfekten „Norm“ entsprechen. Noch schlimmer sind dann eben Modefotografien, von denen uns gar nicht mehr auffällt, dass sie völlig konstruiert sind. Ohne ein normales Beispiel halten wir die Bilder für normal und erstrebenswert und die Models für echt.

Mach dich auf etwas gefasst, hier kommen ein paar der besten Werke des Ateliers citronenrot aus dem Projekt „WieSO?“ (In Designschrift eine Mischung aus den Phrasen „Wieso?“ und „SOS“)

Fotos: © citronenrot

nicht schön genug
Beachte mal ein paar Sekunden die Arme des linken Models etwas genauer. Sie sind extrem dünn gemacht worden und die Unterarme und Finger sind unnatürlich lang. Die Taille muss außerdem in einem engen Korsett liegen, oder wurde hier auch am Computer nachgeholfen?

 

nicht schön genug
Das rechte Bein des linken Models wurde extrem verlängert und wäre wahrscheinlich 10 – 20cm länger, als das andere. Außerdem scheint der Rücken gebrochen- so eine Pose ist fast unmöglich zu erreichen.

 

photoshop revealed
Falls du es nicht gleich siehst: Der Oberarm des linken Models wurde ins absolut Lächerliche verdünnt. Dass das nicht stimmt, sieht man sogar an seinem anderen Arm, der am Körper anliegt und der viel breiter ist (und schöner aussieht).

 

nicht schön genug
Ähm, wieviel zu lang sind die Beine des rechten Models? Irgendwas passt da nicht ganz.

 

nicht schön genug
Das linke Model muss um die Brust ein paar gebrochene Wirbel haben- der Winkel geht sich sonst gar nicht aus. Oder kannst du dein Kreuz da oben mit 90° abwinkeln?

 

photoshop revealed
Der Oberkörper des Models ganz links ist völlig unnatürlich verlängert- genau wie die Beine! In so einer Position kann man gar nicht ohne Falten sitzen. Das Model daneben wurde um die Taille ziemlich zusammengedrückt. Ob da noch Platz für innere Organe ist?

Nicht Schön genug!

Nicht schön genug … Weißt du jetzt, was ich meine? Du bist schön genug! Ganz einfach, weil du einzigartig bist, weil du die Summe deiner einzelnen Teile bist, du bist nicht nur ein Bild oder ein Körper, du bist ein Mensch, der jemandem wichtig ist. Wahre Schönheit kommt von innen. Ein Satz, der nach meiner Auffassung einfach der Wahrheit entspricht. Denn ich habe Freunde, die vermutlich nie in ein Modemagazin kommen würden, aber jedesmal, wenn ich sie sehe, denke ich mir: „Du bist einer der schönsten Menschen, die ich kenne.“ Vielleicht muss ich das einfach ein bisschen öfter sagen.

Und ich bin natürlich auch nicht davor gefeit, mich von diesem Strudel aus Unwirklichkeiten einsaugen zu lassen und darin zu ertrinken. Oft gefalle ich mir nicht oder denke, ich müsste einen schöneren Körper haben. Aber dann fällt mir ein, dass ich niemandem etwas beweisen muss, dass es darum gar nicht geht. In diesem Leben. Darum geht es wirklich nicht. Haben wir unsere Zeit nicht viel besser zu nutzen?

Ich denke schon.


Vielen Dank an das Atelier citronenrot für die Bereitstellung der Fotos. Und für das unglaublich tolle Projekt im Allgemeinen!

Hier kommst du zu mehr Infos und noch mehr Fotos: WieSO? Ein Blick lohnt sich sehr!


 

15 comments

  1. Schöner Beitrag und wirklich ein wichtiges Thema! Ich denke es kann nicht oft genug gesagt werden, dass wir so, wie wir sind, schön sind. Und dass es okay ist, dass wir so sind, wie wir sind. Interessant, wie deutlich die Unterschiede zwischen bearbeiteten, konstruierten Bildern und natürlichen Bildern im Vergleich rüberkommen…

    1. Hey Julia!
      Danke für deinen Kommentar! Du hast so Recht, wir können es nicht oft genug sagen, obwohl es schon kitschig klingt. Aber es ist halt gar nicht so einfach, sich auch wirklich daran zu halten. 🙂
      Und ja, die Unterschiede sind eigentlich sehr groß, wenn man ein bisschen weiß, worauf man achten muss.

  2. Hallo Laurel!

    Ich habe diesen Beitrag bereits vor ein paar Tagen gelesen, komme aber jetzt erst zum Kommentieren.
    Ein wundervolles Projekt, das ich vorher noch gar nicht kannte – danke, dass du uns das in Verbindung mit der so wichtigen Botschaft (die man gar nicht oft genug wiederholen kann) gezeigt hast! Die Bilder sind wirklich sehr inspirierend und schulen das eigene Auge, noch einmal genauer hinzusehen. Denn leider hat man viele eigentlich unlogischen Verformungen ja schon als „natürlich“ und „normal“ im Hirn abgespeichert (was mich selbst immer wieder erschreckt) und da ist es gut, manchmal solche realistischen Vergleiche zu sehen. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

    1. Hey Jenni,

      Ohje, und ich komme jetzt erst zum Antworten, verzeih.
      Freut mich wirklich immer sehr, wenn dir einer meiner Beiträge gut gefällt. 🙂 Es ist einfach wirklich wichtig, zu wissen, dass in unserer Welt keine Perfektion vorherrscht, und das auch gut so ist. Was aber mit diesen Models teilweise angestellt wird, ist ja nicht mal mehr Perfektionierung, sondern Verschandelung. Seltsam eigentlich, dass wir es trotzdem als „wahre Schönheit“ wahrnehmen, auch, wenn ein Kreuz offensichtlich dreimal gebrochen sein muss, um so aussehen zu können.

      Liebe Grüße!

  3. Das Thema finde ich super, denn man kann gar nicht oft genug betonen wie wichtig ein gutes Selbstwertgefühl ist und wie sehr es andererseits durch Magazine und Werbung leiden kann, wenn man nicht gefestigt ist. Als ich bis vor einem Jahr noch in einem Jugendzentrum gearbeitet hab, haben wir alle paar Monate mal Workshops zu den Themen Modeln & Magersucht, Werbebotschaften und Selbstbewusstsein gemacht. Es war schon sehr traurig mit anzusehen, dass gerade die schwierigste Zeit im Leben so vollgepumpt wird mit dermaßen viel Schrott und Photoshop-Pics ohne Ende. Und was passiert dann? Man hungert, kauft sich alle paar Tage neue Kleidung und jede Menge Schminke, um zumindest hier mithalten zu können und sich schön zu fühlen und so geht’s weiter und immer weiter. Freuen tun sich dabei allerdings nachhaltig nur jede Menge Industriezweige, Pharmafirmen und natürlich Lifestyle-Magazine. Denn wären wir alle glücklich und zufrieden mit unserem Aussehen und würden die oben genannten Dinge nur belächeln oder ihnen die kalte Schulter zeigen, würde man die besten Kunden verlieren.
    Ein toller Artikel, dankeschön! <3

    1. Hey Tanja,

      Vielen, vielen Dank für deinen langen und interessanten Input.
      Ich kann dem gar nicht viel hinzufügen, du hast so Recht! Toll aber, dass diese Themen dann eh immer wieder angesprochen werden, gerade dort, wo es die Leute vielleicht besonders betrifft. Ich hoffe einfach, dass sich irgendwann etwas daran ändert. Dass wir mehr zurück zur Natürlichkeit finden und auch, wenn wir nicht wie Models aussehen, uns einfach trotzdem echt gut finden können.

      Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat! 🙂

  4. Es zeigt einmal mehr, wie sehr wir uns von scheinbaren Konventionen und Vorbildern treiben lassen, wie sehr uns Social Media nicht nur die Sicht erweitern, sondern auch einschränken kann, wenn wir es zulassen. Es ist wichtig den Finger immer wieder mal auf diesen Punkt zu legen. Ein interessantes und durchaus auch mahnendes Projekt.

    #Blokoso

    1. Da kann ich dir nur zustimmen! Ich denke auch, dass man immer wieder darauf aufmerksam machen und zumindest für sich selbst daran denken muss, was eigentlich noch wahr ist, und was nicht. 🙂

  5. Danke für den Hinweis auf dieses interessante Projekt! Im direkten Vergleich fallen die Bearbeitungen wirklich sofort ins Auge. Im Alltag wird diese Scheinwelt leider viel zu selten hinterfragt und das Ergebnis sind unrealistische Schönheitsideale – mit gefährlichen Folgen. Aus meiner Sicht hat Size Zero auch nicht mehr viel mit Lebensqualität zu tun.
    Viele Grüße
    Katharina

    1. Hey Katharina,
      Vielen Dank für deinen Input! Kann dir nur voll und ganz zustimmen! Wir hinterfragen im Alltag tatsächlich viel zu selten diese Bilder- es fällt auch ohne Gegenbeispiel teilweise echt nicht mehr auf, wenn etwas daran nicht passt.
      Viele Grüße!

  6. Echt super toller Beitrag. Ich bin auch Hobbyfotografin und steh total auf Natürlichkeit, allerdings bearbeite ich auch gerne Bilder, einfach weil es Spaß macht und immer wieder eine Herausforderung darstellt, eben weil niemand perfekt ist. ich habe ab und zu Aufträge von einem Fotografen aus Chicago und es ist immer wieder hochinteressant zu sehen, wie Models vor der Retusche aussahen. Kein Vergleich zu danach. Die Haut bearbeite ich aber meist immer sehr realistisch, so dass man schon noch Poren erkennt und Härrchen. Außerdem lasse ich die Proportionen wie sie sind. Es ist eher selten, dass ich mal etwas verflüssige. Außerdem erlebe ich auch bei Models immer mehr und mehr, dass sie ihr natürliches Erscheinungsbild bevorzugen und gar nicht viel gemacht haben wollen. LG, Mia 🙂

    1. Hey Mia!
      Das klingt spannend und deine Erfahrung spendet ein bisschen Mut. Danke fürs Teilen! Ich hoffe sehr, dass immer mehr Models zu ihrer natürlichen Schönheit stehen, die sie als Model ja schon mal grundsätzlich auszeichnet, denke ich.
      Ich finde, Bearbeitung kann auch total Spaß machen und echt lustig und schön sein. Klar, vor allem für Fashion-Magazine oder ähnliches hat das durchaus Berechtigung. Es hört halt für mich irgendwo da auf, wo man den Boden der Tatsachen, sprich die Realität, komplett verlassen hat und ein Kunstwesen erschafft, das so nicht existiert, aber trotzdem den Anspruch stellt, einen „normalen“ Menschen darzustellen. Und der dann eben, was noch schlimmer ist, auch als normaler Mensch wahrgenommen wird, und dem nachgeeifert wird. Ein Ziel, das natürlich nie erreicht werden kann, und Menschen in dem Versuch, dorthin zu kommen, sehr gefährden kann. Ich denke, darum geht es primär in diesem spannenden Projekt primär. 🙂

      Liebe Grüße,
      Laurel

  7. Das Projekt ist ja toll! Danke für diesen Beitrag!
    Ich finde es nicht unbedenklich, was da in den Medien passiert. In Zeitschriften und im Netz wird einem vorgegaukelt, wie toll andere aussehen, was sie alles haben, wie toll sie eingerichtet sind, wie ordentlich und sauber alles ist, … Viele nehmen das so hin, ohne es zu hinterfragen und werden immer unzufriedener. Sie denken, sie wären nicht schön genug, nicht erfolgreich genug, unfähig, das eigene Leben in Griff zu bekommen.

  8. Bei dem Model das in der Badewanne liegt musst ich echt lachen weil der Arm so lächerlich aussieht! Bei dem mit dem Vogel kann ich mir auch vorstellen, dass das Model unter der Hose einfach extrem hohe Schuhe an hat und die Beine deswegen so lang wirken.

    Aber das ist ein sehr wichtiges Thema für alle Altersgruppen und ich find die Idee des Projekts auch sehr gut.

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