Wenn Julian Barnes über Weltliteratur schreibt | Am Fenster

Julian Barnes ist Booker-Preisträger, hat Flaubert und Daudet übersetzt und ist  Träger des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur.

 ©Alan Edwards/2images Julian Barnes
Julian Barnes bei einer Lesung an der University of Hope ©Alan Edwards/2images

Während zum Jubiläum seines 70. Geburtstags (19. Jänner 2016) im englischsprachigen Raum „The Noise of Time“, sein erster Roman seit der Verleihung des Booker-Preises (2011), erschienen ist, wurde man auch im deutschsprachigen Raum nicht ganz vergessen. „Am Fenster“ beinhaltet 17 Essays und eine Short Story, in denen er von Lieblingsbüchern und Autoren, die es zu entdecken gilt, erzählt. Dabei gewährt er immer wieder tiefe Einblicke in die Leben seiner Schriftstellerkollegen. Kiplings Autotouren durch Frankreich, George Orwells Zeiten im Internat oder der Kampf Penelope Fitzgeralds mit männlicher Herabwürdigung. Dabei schreckt er nicht davor zurück, Größen ernsthaft zu kritisieren (Orwell), oder unbekanntere, seiner Meinung nach unterschätzte Schriftsteller, zu empfehlen (Ford Maddox Ford).

In „Am Fenster“ von Julian Barnes geht es ums Lesen.

Das Buch als Fenster, um in die Welt der Literatur einzutauchen, besser; in die Welt der Literaten. Man bekommt Lust auf mehr Fenster in diese großartige Welt. Und Lust, all die von Julian Barnes besprochenen Titel zu lesen.

Julian Barnes erzählt humorvoll, stilistisch locker gekonnt und kurzweilig. Es ist wie ein Treffen mit der Vergangenheit, die Chance, einen Teil des wahren Charakters der besprochenen Autoren kennenzulernen, oder sich Inspiration zu holen.

Einzig die Short Story, eine Hommage an Hemingway, lässt einen, wie auch Hemingways Geschichten, ein wenig enttäuscht zurück. Das Komplizierte so einfach, aber gleichzeitig undurchschaubar und verworren darzustellen, hat noch nie zufriedenstellend funktioniert.

„Ich sehe einfach nicht, was er uns zu sagen hat.“

„Dann versuchen Sie doch, besser hinzuhören.“

– Am Fenster, Julian Barnes, S. 269 (Hommage an Hemingway: Eine Short Story)

Empfehlenswert für alle Literaturbegeisterten, die sich in großartige Werke der Weltliteratur stürzen wollen, welche einem bisher vielleicht nie untergekommen sind. Ob man noch einmal zu George Orwell greift, jetzt mit dem Wissen um seine teils fragwürdigen Ansichten, oder ob man Fitzgeralds „The Beginning of Spring“ nun eine Chance gibt, weil der erste Satz dieses Buches von Julian Barnes so interessant besprochen wird; diese Lektüre motiviert ganz einfach. Motiviert zum Lesen.

Am Fenster

Kiepenheuer&Witsch
Titel der Originalausgabe: Through the Window
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger, Thomas Bodmer, Alexander Brock und Peter Kleinhempel
ISBN: 978-3-462-04864-3
Erschienen am: 07.01.2016
352 Seiten, gebunden

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